Ein Gastartikel von Klaus Neumann.

Gastartikel
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Der Gastartikel bezieht sich auf einen Kommentar von J. Köhler in der Dreieich Zeitung. Deshalb auch die Anrede Herr Köhler.

Hallo Herr Köhler, ich finde es sehr beeindruckend, dass Sie sich so vehement mit dem Thema Grenzen des Wachstums befassen. Ich habe mich gefragt, wie sieht es beispielsweise in unserer kleinen Gemeinde Urberach aus? Kann eine solche Siedlungsgemeinde grenzenlos wachsen?

Urberach hatte vor 100 Jahren etwa 2.000 Einwohner, heute sind es etwa 12.000, also 6 mal so viel. Die Einwohner wohnten auf etwa 10 m², heute sind es fast 50 m² pro Person, also 5 mal so viel. Waren es also damals etwa 20.000 m² Wohnfläche, werden es heute etwa 600.000 m² sein, also 30 mal so viel. In 100 Jahren! Zwangsläufig mussten dazu viele Grünflächen, Wald, Feld und Wiesen in zubetonierte Siedlungsflächen umgewandelt werden. Lebensmittelpunkt war damals die Landwirtschaft und kleine Handwerksbetriebe, heute mehrheitlich Tätigkeiten in den umliegenden Städten. Um das überhaupt zu realisieren, dürften heute mehr als 5.000 Pkw in Urberach zu Hause sein, die zusätzlich sehr viel zubetonierte Flächen benötigen.

Fest steht, dass die Grundfläche von Urberach begrenzt ist. Mehr Einwohner bedeutet also, in die Höhe zu wachsen, die Wohnfläche pro Person zu verringern, die Einwohnerzahl zu begrenzen – oder eben weiterhin Grünflächen und Wald in Siedlungsgebiet umzuwandeln.

Hochhäuser in Urberach? Interessante Vorstellung. Wohnfläche pro Person verringern? Undenkbar, denn jeder Mensch kann beliebig viel Wohnraum für sich schaffen. (Es soll sogar Menschen geben, die Wohnungen leer stehen lassen weil sie keinen Ärger mit Mietern haben wollen. Oder Flächen unbebaut lassen, weil sie auf Wertsteigerungen warten). Einwohnerzahlen begrenzen? Das dürfte schon mal gar nicht gehen. Also weiterhin Grünflächen und Wald in Siedlungsgebiet umwandeln, und wie viel Prozent der Gesamtfläche dürfen das sein?

Ein weiteres Problem ist das Regenwasser. Vor 100 Jahren konnte bei einem starken Regenfall das Wasser noch relativ schnell versickern. Es gab mehr Grünflächen und die Böden der Höfe waren durchlässig. Heute fällt der Regen auf Beton, muss über Rohrleitungssysteme in die Bäche und Flüsse geleitet werden und ist dann sehr schnell weg – und damit für unseren Grundwasserspiegel verloren. Andererseits hatte man früher ein Plumsklo ohne Wasser. Und eine Pumpe im Hof. Heute benötigen wir mehrmals am Tag die Toilettenspülung und es soll auch Menschen geben, die mehrmals am Tag duschen. Also eigentlich benötigen wir viel mehr Grundwasser als damals, aber es versickert viel weniger und bleibt uns an Ort und Stelle nicht mehr erhalten. Wie lange funktioniert das?

Die Einwohner benötigen Energie für Heizung, Beleuchtung und Haushalt. Vor 100 Jahren war die Heizung im Haus am Tage aus, man arbeitete sich draußen warm. Heute heizen wir rund um die Uhr. Für die Heizung nutzte man das Holz aus den umliegenden Wäldern, das würde heute nicht mehr ausreichen, deshalb kommt das Öl oder das Gas nach tausenden km Transportweg zu uns.

Und der Strom? Der war, wenn überhaupt schon vorhanden, am Tage nicht erforderlich. Gekühlt wurde nicht im Kühlschrank sondern im kühlen Keller. Gewaschen wurde im großen Kessel von Hand, und geduscht? Wozu das denn. Für die Hausarbeit gab es keine elektrischen Hilfsmittel und es soll damals auch noch keine Computer und keine Smartphones gegeben haben, die rund um die Uhr in Betrieb waren. Ganz zu schweigen von Klimageräten in den schönen lichtdurchfluteten neuen Wohnungen.

Damit wir uns nicht falsch verstehen, keiner – außer einigen unbelehrbaren – wünscht sich die Zeit zurück. Aber was, wenn das Wachstum so weiter geht? Wo liegen die Grenzen des Wachstums? Wie sieht Urberach am Ende des Jahrhunderts aus? Wäre man konsequent, würden keine zusätzlichen Flächen für Wohnen und Gewerbe mehr umgewidmet werden. Für neue Betonflächen müssten als Ausgleich andere Flächen zurück entwickelt werden.

Ein Nachdenken darüber halte ich für wichtiger, als jeder verschwundenen Pflanze oder jeder ausgestorbenen Tierart nachzutrauern. Oder vermisst jemand die Dinosaurier? Vielleicht müssen die Grünen da auch mal über ihren Tellerrand schauen.

Ein Artikel von Klaus Neumann. Auch zu lesen in der DZ Seite 3.
 
Ausgangsartikel (Kommentar Jens Köhler)
in der DZ vom 11.09.2019 Seite 3

Weiterer Kommentar in der Dreieich Zeitung vom 18.09.2019 Seite 3

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